Der Wahlkampf im Web 2.0 hat auch Hessen erreicht. Alle Parteien haben auf YouTube, Blogs, Podcasts und Twitter-Services gesetzt. Allerdings gab es dabei auch Licht und Schatten, findet der Politikwissenschaftler Christoph Bieber von der Uni Gießen.

ZDFonline: Was hat der Bürger vom Online-Wahlkampf?
Christoph Bieber: Zunächst einmal einen direkteren Zugang zum Kandidaten - wenn der oder die Formate bedient, die auch ohne eine Vermittlung durch die "alten" Medien die Bürgerinnen und Bürger erreichen. Im diesjährigen Hessenwahlkampf gehören dazu die Profil- und Unterstützerseiten in Online-Communities wie Facebook oder Wer-kennt-wen. Und wie man aus den Daten des Politbarometers vom 14.1. sehen kann, nutzen die Hessen solche Angebote durchaus - mit einiger Erfahrung können sich die so genannten Vielnutzer ein weitgehend medien-unabhängiges Bild von Kandidaten und Wahlkampf machen. Doch dies trifft sicher nur für einen kleinen Teil der Wählerschaft zu.
ZDFonline: Webwahlkampf hat den Ruf, interaktiver und ehrlicher zu sein. Ist er das wirklich? Oder ist das Netz für die Parteien nur ein Mitteilungskanal?
Bieber: Der Wahlkampf im Internet ist per se nicht unbedingt ehrlicher - alles hängt davon ab, in welcher Weise und mit welchem Engagement diese Medienumgebung genutzt wird. Schließt sich ein Politiker unmittelbar an den neuen Kommunikationskreislauf an und bloggt oder twittert selbst, dann kann man schon von einer "ungefilterten", vielleicht auch "authentischeren" Wahlkampfkommunikation reden. Doch an vielen Stellen gilt auch im Netz: Kontrolle ist das A und O der Kampagne, Formate wie eine hochglanzpolierte Kandidatenwebsite oder die Programmplattform einer Partei folgen dann dem gleichen Muster wie "klassische" Medienwahlkämpfe in den Printmedien oder im Fernsehen. Das Erfolgsgeheimnis liegt dann - wie etwa bei Barack Obama - in der richtigen Mischung aus Offenheit und Mitsprachemöglichkeiten einerseits, und einer straffen, hierarchischen Kampagnenorganisation.

ZDFonline: Die Titanic parodiert Torsten Schäfer-Gümbels Twitter-Seite(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) in einem eigenen Kanal;(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) auch sonst gibt es Parodien im Netz zuhauf. Wird Online- Wahlkampf überhaupt ernst genommen oder kann er auch kontraproduktiv sein?
Bieber: Selbstverständlich wird der Online-Wahlkampf ernst genommen - man könnte ja auch sagen, eine Parodie lohnt nur, wenn der Gegenstand der Persiflage eine solche Aktion wert ist. Die "falschen" Twitter-Accounts sind dann vielleicht einfach nur zeitgemäße Formen der politischen Karikatur - einer leider nur noch selten gepflegten Kunstform. Die Tücke liegt hier im richtigen Umgang mit der Parodie - das Netz lebt von solchen Trittbrettfahrern und die unaufgeregte Kenntnisnahme scheint der beste Weg zu sein. Gereizte Reaktionen oder gar Verbotsversuche sind die falsche Strategie, es geht eher darum, die Aufmerksamkeitsströme auf das "Originalprodukt" umzulenken.
ZDFonline: Wenn es danach ginge, wer online am aktivsten ist: Welche Koalition regierte demnächst Hessen?
Bieber: Das sähe - vor allem mit Blick auf die Online-Communities und Twitter - nach einer rot-grünen Online-Koalition aus. Als ernsthaften Beitrag zum Online-Wahlkampf betreibt die CDU zwar das Webcamp09, doch hier handelt es sich eher um eine Mischform aus junger Basisarbeit und typischer Repräsentationspolitik für die Parteigrößen. Bei FDP und der Linkspartei ist der Online-Wahlkampf auf dem Niveau des Vorjahres geblieben - und das war auch bestenfalls durchschnittlich.

ZDFonline: Welchen Trend haben die deutschen Parteien im Netz bisher verschlafen? Was müssen sie im Superwahljahr noch lernen?
Bieber: So richtig verschlafen wurde eigentlich nichts - das aktuelle Portfolio mit YouTube-Videos, Blogs und Podcasts, Twitter-Services und Online-Communities umfasst die gleichen Formate, wie sie auch im hoch gelobten US-Wahlkampf eingesetzt wurden. Das Problem ist die Größenordnung, mit der in den Online-Wahlkampf investiert wird: es fehlt an einem angemessenen finanziellen Engagement im Netz. Ein wirksamer Online-Wahlkampf ist zwar immer noch günstiger als die Materialschlachten von Plakat-, Print- und TV-Kampagnen, aber eben auch nicht billig. Und: es wurde viel zu wenig Zeit in die Entwicklung von Online-Netzwerken investiert - diese Versäumnisse werden sich wohl auch bis zur Bundestagswahl nicht mehr ausgleichen lassen.
Für ZDFonline hat sich Bieber die Webaktivitäten der fünf großen hessischen Parteien angesehen und sie kurz kommentiert. Der promovierte Politikwissenschaftler Bieber lehrt am Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Kommunikation und Neue Medien, Internet und Demokratie sowie vergleichende Politikwissenschaft. Bieber steht am Wahlabend auch in der interaktiven Online-Sendung zur Hessenwahl "Wahl im Web" für Fragen der Nutzer bereit.
SPD - Konsequenter Online-Bezug
Die große Stärke des SPD-Wahlkampfs liegt in der zentralen Positionierung der Online-Präsenz für die gesamten Kandidatur. Thorsten Schäfer-Gümbel wurde von Beginn an und durchgehend als Politiker mit klarem Online-Bezug aufgebaut - die Erfolge erntet er nun unter den Internetnutzern. Die einzelnen Seiten (Facebook, YouTube, Wer-kennt-wen, Twitter) sind handwerklich sehr solide aufgebaut und miteinander vernetzt - für die Kürze der Zeit und ein begrenztes Budget nahezu optimal. Eine direkteres Voter-Targeting (per E-Mail oder SMS-Nachrichten) fehlt bislang - das wäre das Tüpfelchen auf dem i.
CDU - Kluft zur Parteispitze
Die CDU kanalisiert die Online-Bemühungen im "jugendlich-frisch" daher kommenden Webcamp09. Hier werden durchaus die zeitgemäßen Kommunikationsformate bespielt (Online-Videos, Twitter, Blogs, Community), doch haftet dem Projekt zu deutlich der "Experimentiercharakter" an - das Partei-Establishment wird über eine "Showcase"-Anwendung an das Netz herangeführt. Zu offensichtlich ist dabei die Kluft zwischen "jungen, wilden Onlinern" und den arrivierten, wenig netzaffinen Vertretern der Parteispitze. Im Gesamtpaket wirkt das nicht sonderlich authentisch.
Die Grünen - Gesamtstrategie fehlt
Hier gibt es vielversprechende Ansätze, aber die Online-Strategie scheint nicht bis ins letzte durchgeplant und abgestimmt zu sein. So unterhält Tarek Al-Wazir zwar eine Facebook-Präsenz und einen StudiVZ-Account, ist aber nicht beim in Hessen stärker vertretenen Wer-kennt-wen. Dort (und bei Facebook) ist jedoch Co-Spitzenkandidatin Kordula Schulz-Asche am Start, zudem unterhält sie ein Twitter-Profil - nicht aber Al-Wazir. Da die Grünen eigentlich über eine eher netzaffine Klientel verfügen, wäre hier eine Gesamtstrategie "aus einer Hand" sicher besser gewesen.
FDP - Standard von gestern
Die optisch solide gearbeiteten Online-Angebote der FDP erreichen lediglich den Standard aus der Vor-Web 2.0-Zeit - zumindest auf der Ebene des Landesverbandes und beim Spitzenkandidaten. Die persönliche Homepage von Jörg-Uwe Hahn lässt eine Ausrichtung auf den Wahlkampf vermissen, vereinzelt treten auch technische Probleme bei der Video-Einbettung auf. Einige jüngere Kandidaten setzen jedoch verstärkt auf das Netz - so pflegt etwa Lasse Becker ein eigenes Weblog und einen Twitter-Kanal.
Linkspartei - Warum im Retro-Look?
Auch die Linkspartei bietet eine überholte Form des Online-Wahlkampfs: die Homepage des Landesverbandes dient als zentrale Anlaufstelle und sammelt personelle und programmatische Infos. Das wirkt zwar kompakt, ist aber maximal der Stand von 2005 - darüber täuschen auch verstreute Videoelemente oder einzelne Banner und Pop-Ups nicht hinweg. Warum die Seite des Spitzenkandidaten Willy van Ooyen allerdings im 1990er Jahre Frame-Design daher kommt, bleibt allerdings ein Geheimnis. So in ist der Retro-Look nun auch wieder nicht.